Systematik/Familienverhältnisse

Die tunesische Landschildkröte gehört zu den nordafrikanischen maurischen Landschildkröten, wissenschaftlich Testudo graeca graeca (Linneus, 1758) vulgo Testudo graeca nabeulensis (Highfield /Martin 1989) vulgo Furculachelys nabeulensis (Highfield 1990).

 

Warum so viele verschiedene Namen für die gleiche Schildkröte?

 

Der hochoffizielle Name ist Testudo graeca graeca. Warum diese fast nur in Nordafrika vorkommende Schildkröte quasi zur Doppelgriechin wurde, ist alles andere als logisch.

Diese Einteilung stammt ja auch aus dem Jahr 1758….

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Die anderen, nicht allgemein anerkannten Namen beziehen sich auf Nabeul, einen tunesischen Küstenort und wurden in neuerer Zeit von Mr. Andy Highfield, einem bekannten Schildkrötenforscher aus England kreiert. http://www.tortoisetrust.org/articles/tunisian.html

 

Dieser verfolgte anscheinend die wohlmeinende Absicht, die Eigenständigkeit dieser nur an der warmen Meeresküste vorkommenden Unterart auch für Laien begreiflich zu machen, damit auch der letzte endlich kapiert, dass diese nicht einzuwintern sind.

 

 

 

 

 

Andere Testudo graeca graeca kommen weiter im gebirgigen und kühleren Landesinneren vor und halten eine „kleine“ Winterruhe, von diesen ist aber hier nicht die Rede!

Wenn also jemand behauptet, seine „nabeulensis“ hielten Winterruhe, dann handelt es mit großer Wahrscheinlichkeit nicht um „nabeulensis“ vom warmen Küstenbereich, sondern um "graeca graeca", die zwar auch aus Tunesien, aber aus dem kühleren Landesinneren stammen.

 

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Es scheint so zu sein, dass Schildkröten von hellerer Farbe aus wärmeren Regionen stammen (um nicht zu überhitzen) und solche von dünklerer Farbe aus kühleren Regionen (um die Wärme besser aufnehmen zu können). Vereinfacht heißt das also, je heller und sandfarbiger, desto größer die Wahrscheinlichkeit, eine „echte“ Küstennabeulensis vor sich zu haben. Andernfalls könnte es sich um eine andere nordafrikanische Graeca-Unterart oder um einen Mischling verschiedener Unterarten handeln.  

 

Im Zweifelsfall bei ungeklärter Herkunft bitte auf keinen Fall einwintern, das ist mit Sicherheit die zuträglichere und lebensverlängerndere Variante!

 

 

Es gibt interessanterweise auch kleine Bestände in Südsizilien, Südsardinien und Südspanien.

Eine hochinteressante Theorie dazu möchte ich an dieser Stelle nicht vorenthalten: Das phönizische Karthago lag ungefähr in der Gegend von Nabeul. Die Phönizier könnten Schildkröten als Haustiere gehalten und diese auf ihren Handelsrouten auch in ihren europäischen Einflussbereich verschleppt haben, wo sie sich an den südlichsten, also wärmsten Zipfeln Europas bis heute behaupten konnten.

 

Zusammengefasst lässt sich sagen, dass die nordafrikanischen Landschildkröten (Gesamtbezeichnung Testudo graeca graeca) mehrere (bis zu 10) verschiedene Lokalformen (nabeulensis, cyrenaica, marokkensis etc.) aufweisen, die Genforschungen darüber noch nicht abgeschlossen sind und von den Experten leidenschaftlich darüber gestritten wird, ob diese Lokalformen eigene Unterarten darstellen oder nicht. Zu diesem Thema eine wissenschaftliche Arbeit aus der Fachzeitschrift Herpetozoa von der Österreichischen Gesellschaft für Herpetologie.

 

In der Citesverordnung und in der österreichischen und der deutschen Tierhaltungsverordnung werden die verschiedenen Unterarten (oder Lokalformen) der Einfachheit halber nicht angeführt und es ist allgemein von Testudo graeca graeca die Rede.